Neue Lebenszeichen

Am 27. Februar 2013, seinem Sol 200 auf der Marsoberfläche, gab es ein kritisches Problem mit dem Hauptcomputer von Mars Science Laboratory. Ein Teil des Speichers dieses Computer versagte den Dienst, und leider in einem Bereich, in dem die Verzeichnisstrukturen des Roverspeichers abgelegt waren. Dadurch wurde der Computer unbrauchbar und die Verantwortlichen entschlossen sich recht schnell, auf den mitgeführten B-Computrer umzuschalten (marspages.eu berichtete).

Dieser Umschaltvorgang war nicht ganz trivial, da der B-Computer die Statusinformationen des A-Computers, d.h. die bisherigen Abläufe der Mission, nicht kannte. Insbesonders die aktuelle Situation der Onboard-Labors, der Kameras und des Probenarms mussten dem B-Computer in mühevoller Detailarbeit beigebracht werden.

Außerdem war mit dem Ausfall des A-Computers der Ausfall der an diesem Computer verdrahteten A-Kamerasysteme verbunden, d.h. Curiosity war blind, was seine Navigations- und HazCams betraf und die mit dem B-Computer fest verbundenen B-Kamerasysteme mußten aktiviert, synchronisiert und geeicht werden.

Dies kostete Zeit. So war Curiosity von Sol 200 bis Sol 223 lahmgelegt. Erst an Sol 223, dem 23. März 2013 auf Terra bzw. dem 19. Oktober 31 auf dem Mars, konnten die Kameras des B-Systems die ersten Aufnahmen nach dem Crash zur Erde schicken:
 
Sol 223
Abb. 1: Das erste Panorama der B-Navigationskameras, aufgenommen an Sol 223 nach 23 Sols Wiederherstellungszeit. Curiosity ist wieder online !
Sol 223 Panorama-Ausschnitt Sol 223 Panorama-Ausschnitt
Abb. 2: Details des Recovery-Panoramas, links nach vorn auf das Bohrgebiet bei John Klein und rechts nach hinten auf den Rover selbst.

Vor Fortsetzung der Mission musste erst noch das A-Computersystem als Backup für das B-Computersystem wieder hergerichtet werden. Dazu wurde das Speichermodul des Betriebssystems angepasst: Die unwiderbringlich beschädigten Bereiche des A-Speichers wurden so maskiert, dass die Flugsoftware sie nicht mehr benutzte. Dadurch wurde der verfügbare Speicher etwas reduziert, der A-Computer konnte aber wieder online gehen.

Die Verantwortlichen hatten beschlossen, dass das Mars Science Laboratory zunächst eine zweite Bohrung bei John Klein vornehmen sollte, um die Ergebnisse der ersten Bohrung bestätigen (oder widerlegen) zu können. Wegen der unmittelbar bevorstehenden Hochphase der diesjährigen solaren Konjunktion zwischen Mars und Terra, die zwischen dem 8. und 28. April 2013 keinerlei Kommunikation zwischen beiden Planeten ermöglichte (marspages.eu berichtete) , würde Curiosity also bis Mai 2013 in der Yellowknife Bay bei John Klein stehenbleiben.

Langsam wurden beim bisherigen Tempo des Missionsfortschrittes einige der Missionsverantwortlichen unruhig. Die Kritiken am bisherigen Vorgehen häuften sich. Sieben Monate nach der Landung hatte der Megaroboter nach knapp einem Drittel der Primärmissionsdauer erst 738m auf der Marsoberfläche zurückgelegt und das angekündigte Ziel der Basis des 5.5 km hohen Aeolis Mons im Süden des Rover-Standortes war nach wie vor über 10 km entfernt.

Als einziges Ergebnis der bisherigen Mission stand lediglich die Erkenntnis zu Buche, dass der Rover an einer Stelle der Marsoberfläche gelandet war, an der das Vorhandensein von Wasser in früheren Zeitaltern des Mars möglicherweise Leben ermöglicht haben könnte - aber das vermutete man bereits vor der Landung durch die Untersuchungen der Orbiter und der früheren Missionen. Für mehr als 400 Wissenschaftler, die an der Interpretation der Messergebnisse des Rovers arbeiteten, ein mehr als dürftiges Ergebnis. Selbst die ESA-Komkurrenz meldete sich mit ESA-Projektmanager Jorge Vargo mit der zukünftigen Mission ExoMars zu Wort, die bis dahin nicht durch besonders erfolgreiche Planung geglänzt hatte: "Clearly, we couldn’t afford to run ExoMars in the way Curiosity is doing the mission.”

Immerhin waren die früheren Vermutungen durch handfeste Ergebnisse der Analysen des SAM und des CheMin erhärtet worden. DIe JPL-Projektverantwortlichen hatten auch bereits den weiteren Weg des Rovers skizziert:
 
Planungen des weiteren Kurses von Curiosity
Abb. 3: Planungen des weiteren Kurses con Curiosity. Aufgrund der kurzfristigen Planungen bis nach Ende der solaren Konjunktion und der unmittelbar danach stattfindenden weiteren Bohrungen bei John Klein war mit dem Start der Realisierung dieser Vorausschau nicht vor Mitte/Ende Mai oder gar Juni 2013 zu rechnen ... (SOURCE: NASA/JPL-Caltech/ESA/DLR/FU Berlin/MSSS)

Nach dem Wiederanlaufen des Betriebes mit dem B-Computersystem wurde als erste Aktion erneut eine im Probennahmesystem CHIMRA befindliche Teilmenge des Bohrstaubes der zweiten Bohrung in das SAM-Analysenlabor eingeführt und vermessen. Das SAM, das chemisch-analytische Labor an Bord des Roboters, ist der größte Energieverbraucher. Während der Aktivitäten im SAM müssen alle anderen Geräte bis auf die Basismodule pausieren. Daher steht während dieser Zeit der Rover still und lediglich einige Kameraaufnahmen werden durchgeführt. So diese hier an Sol 227:
 
Blick über das Roverchassis an Sol 227 auf die Einfüllöffnungen des SAM
Abb. 4: Blick über den Roverkörper an Sol 227 auf die Einfüllöffnungen des SAM und des CheMin Analysenlabors. Wegen des großen Energieverbrauches dieser Instrumente ist der Rover während der Messungen mehr oder weniger lahmgelegt.
 
Curiosity machte nicht nur selbst Bilder, sondern wurde auch seinerseits von den Orbitern beobachtet. Dabei spielte eine besondere Rolle die Beobachtung der auf dem Mars abgesetzten sonstigen Hardware im Hinblick auf zeitliche Ämderungen. So wurden die Absturzstellen von Backshell und der während des gesteuerten Fluges abgeworfenen Ausgleichsgewichten und Skycrane permanent durch die Orbiter beobachtet (marspages.eu berichtete). 

Ende März 2013 veröffentlichte das JPL eine Bildsequenz, die die Veränderungen des Landefallschirmes mit der Zeit dokumentiert. Sie zeigt, dass die auf dem Mars wehenden Winde trotz des niedrigen Luftdrucks von 6-8 mbar auch größere Veränderungen hervorrufen können:
 
Landefallschirm flattert im Wind
Abb. 5: Beobachtungen der Backshell mit immer noch angehängtem Fallschirm im Zeitraum von August 2012 direkt nach der Landung bis Mitte Januar 2013. Es ist deutlich sichtbar, dass er im Wind flattert. Der Fallschirm wiegt 54 kg. Es ist auch ersichtlich, dass der Wind nicht stark genug ist, die 700 kg schwere angehängte Backshell des Raumschiffes zu bewegen (Quelle: NASA/JPL/Univeristät von Arizona).

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